MODERNDE ZEITEN
Lyrik von Schwonko Grützmann und J. Uschube


WAS BLEIBT

Das Bier steht auf dem Tisch,
es ist heiß.
Kumuluswolken wabern durch mein Hirn.
Gewitter toben durch meinen Magen.
85. Minute, Stuttgart gewinnt.
Schaum perlt von meiner Nase.
Das Glas ist leer.



KASTANIEN FALLEN AUF MEINEN KOPF

„Gute Nacht“ sagte der Polarbär
und biß mir den Kopf ab.
Das Telefon klingelt.
Der Schnee färbt sich grün vom Inhalt
meines Magens.
Gnu Herbertsheimer trinkt ein Bier.
Er ist traurig.



GEWINNERTYP


Das Toastbrot ist trocken geworden.
Es schmeckt nach altem Papier.
Marmelade tropft aus meinen Ohren.
Schneeflocken rieseln aus meinem Haar.
Kühl und leicht.
Ich bin nicht mehr Herr meiner Sinne.
Und es ist recht so.
Was kostet die Welt!



ERBSENSUPPE – KANNIBALISMUS IN DER VORSTADT


Es brodelt in meinem Topf.
Erbsensuppe von Erasco.
Mit den Rückständen auf dem Boden
wird es ein leckeres Mahl ergeben.
Hurra, ich bin Junggeselle.
Naja, nicht ganz.
Ich weiss nicht, ob es draußen hell ist
und das Radio spielt ein altes Liebeslied.



ALTE FREUNDE


Ich träume von wiehernden Pferden.
Fast schon vergessen
Im Strudel der Ereignisse.
Als man sie brauchte,
verweigerten sie
ihren Dienst.
Sauerbraten schmeckt gut.



KREATIV


Es rinnt uns aus der Feder,
jeder Satz ein Manifest,
jedes Wort ein Poem.
Götter der Dichtkunst,
Retter der Wirklichkeit.
Die letzten Bewohner des Olymp.
Götter.



MODERNDE ZEITEN


Man spielt immer noch die alten Lieder,
aber das Bier ist teurer geworden.
Man leidet immer noch die alten Leiden,
aber es tut nicht mehr so weh.
Nur die Frauen verblüffen uns immer aufs neue.



SMS


3 2 777 555 33 22 33 66
444 7777 8 7777 666
333 777 33 444 888 666 66
7777 444 66 66,
dass es fast schon wieder Spass macht.



FRAUEN


Ungehobelt und rücksichtslos.
So sind sie.
Brutal.
Schwitzende Körper.
Ineinander verschlungen.
Gib ihnen ein Versprechen
Und du verkaufst deine Seele.
Wo ist das Glück.



FREI VON GEDANKEN


In mir selbst versunken sitze ich da.
Die Sonne dreht sich nur um mich.
Sie ist mein Herz.
Sie scheint mir aus sämtlichen Körperöffnungen.
Ich habe sie verspeist.
Sie schmeckte wie ein Hühner-Nudel-Eintopf
aus dem Sonderangebot.





DICHTKUNST


Wir sehen uns an
Aus grossen Augen
Wir kratzen uns die Schläfen
Wie Affen im Zoo
Wer unsere Werke liest,
wird sie für die Ausgeburt grosser Gedanken halten.
Aber sind wir nicht alle betrogen worden?



MARLON BRANDO


Er ist dick.
Das war er früher nicht.
So wie wir.
Wir sind ärmer.
Aber trotzdem:
Wir passen immer noch in eine Lederjacke.



EASY RIDER


„Meinen Segen haste“
sagte er
und sah mich an
wie ein Waschpulverpaket.
Ich starrte zurück
Aus glasigen Augen
und sehnte mich nach meiner Honda.



ERDBEERJOGHURT


Spontan nehme ich ihn aus dem Kühlschrank.
Kondenswasser rinnt herab.
Der erste Löffel öffnet mir die Augen.
Der Geschmack auf meiner Zunge
brennt sich in mein Hirn.
Es schmeckt nach Fischfilet.
Ich blicke auf den Deckel:
Erdbeerjoghurt.



WIEDERGÄNGER


Es ist noch nicht Mitternacht
Und sie tanzen auf den Tischen.
Wir sitzen da und schauen
fassungslos –
Wo waren wir all die Jahre?
Freigeschaufelt aus dem eigenen Grab.
Auf den Lippen den Geschmack
alter Erde
und frischen, fremden Speichels.



HARFENSPIEL


Gedankenloses Zirpen.
Es dringt in meine Welt und erreicht mich doch nicht.
Blasiertes Lächeln.
Gekonnte Nachahmung menschlicher Emotionen.
Frisch aufgewärmt,
Verfallsdatum überschritten.
Tut mir einen Gefallen
Und frischt die Regale auf.
Denn ich bin ein
echter –
Mensch!



SMS III


Kollektiver Griff in die Jacke.
Was machen die Frauen?
Der Daumen zuckt.
Zu langsam zum Antworten.
So viele Frauen,
so wenig Zeit.
Mein Kopf tut weh vom Suchen nach
geistreichen Antworten,
die niemanden interessieren.



© 03.02.2001 by Michael Breuer/J. Uschube



Zurück