Lyriken von Nike Oehme


1.

In welchem tiefen Traum ich lag

Als das sich regte, weiß ich nicht.

Und ob ich es auch nicht vermag,

Ich greife nach dem Sternenlicht.

 

Ein Flügelschlag hat mich gestreift

Und hat mein stummes Herz geweckt,

Das alles noch nicht ganz begreift.

Nun istís erstaunt und fast erschreckt.

 

Nun zittert es. Es will erwachen.

Es sprengt den Kopf und fließt heraus.

Und fühlt von fern ein leises Lachen,

 

Das lange, tief und traurig schlief.

Aus meiner Hand fliegt es nach Haus,

Wonach mein Herze immer rief.

(2/95)

 

2.

Sind die grauen, tiefen Nächte,

Da die Stille dich gebiert.

Fällst durch hundert tiefe Schächte,

Wo es selbst die Kälte friert.

 

Wo die Seele lernt zu toben,

Lautlos ihre Klage schreit,

Wird sie mit der Stirn verwoben

Und wächst durch die Ewigkeit.

 

Lernt zu atmen unter Schmerzen.

Reißt sich selbst aus deinem Herzen,

Wischt sich rauh die Tränen ab

 

Und versucht das erste Wort.

Das trägt dann der Wind mit fort.

So entsteigst du deinem Grab.

(2/96)

 

4.

Der du auf der Suche bist

Und die Augen sternwärts hebst:

Weißt nicht mal, was du vermißt,

Wenn du nachts im Schlafe bebst.

 

Hast den Kopf gefüllt zum Rand,

Doch Athene schläft nicht mehr.

In den Händen heißen Sand

Greifst du nach dem Füllhorn - leer!

 

Denn Athene ist erwacht,

Schlägt von innen an die Stirn.

Plötzlich wird es sehr schnell Nacht.

 

Hörst schon Hades um dich werben.

Das kannst du nur selbst entwirrín.

Wenn duís nicht tust, wirst du sterben.

 

7. An die Liebesdichter

Doch, ich weiß, daß sie sich irren,

Wenn sie preisen, loben, schreiín.

Wollen uns doch nur verwirren,

Sehen nicht in uns hinein.

 

Lassen uns anís Füllhorn glauben

Und anís Schweben, an den Flug.

Wollen unsíre Mauern rauben

Mit dem Poesie-Betrug.

 

Doch, ich weiß, es ist kein Traum,

Keine Ode, rot wie Blut.

Tasten istís im leeren Raum,

 

Schreien, suchen, kämpfen, klagen.

Fordert Willen, Fleiß und Mut,

Immer wieder es zu wagen.

(10.3.96)

 

11. Ballade

Siehst du dort das Narrenschiff,

Hinter diesen Ewigkeiten?

Ist schon längst zerschellt am Riff,

Doch fliegt zu dir durch die Zeiten.

 

Ist kein Hafen, wo es landen,

Wo die See es fliehen kann.

Und solltí es dann einmal stranden

Zündet niemand Kerzen an.

 

Dort, der blinde Steuermann

Steuert sicher durch die Tiefen.

Träume treiben ihn voran

Die mit Möwenstimmen riefen.

 

Da ist der Matrosenjunge,

Der schlägt einen Purzelbaum.

Schreit manchmal aus voller Lunge,

Doch er knetet seinen Traum.

 

Unten, tief in der Kabine,

Lebt die zuckersüße Hure.

Streichelt sich mit ernster Miene,

Träumt von einem alten Schwure.

 

Backbord, dort in der Kombüse,

steht der einarmige Koch.

Hackt mit roter Wut Gemüse,

Stirbt und überlebt es doch.

 

Auf dem Deck dort, in der Sonne

Schläft die Katze ohne Ohr.

Schnurrt und reckt sich voller Wonne,

Blinzelt in das Licht empor.

 

Keiner kann die Segel reffen,

Wohin sie der Wind auch treibt.

Welcher Sturm kann sie noch treffen,

Der in ihren Herzen bleibt.



(c) by Nike Oehme


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