DER HÖLLENRITT
von Erich Mielke


Es war kurz vor 22.00 Uhr, als ich meinen nachtschwarzen Ford Mustang mit quietschenden Reifen vor Gonzos Tür zum Stehen brachte. Er kam sogleich aus der Haustür, begleitet von wildem Geschrei seiner Nachbarin, die meinen Fahrstil lautstark kritisierte. Doch das war uns schon lange egal, wir waren cool und der Rest der Welt konnte uns am Arsch lecken.

Er wuchtete seinen ausgemergelten Körper auf den Beifahrersitz und mit rauchenden Radkästen starteten wir in die Nacht. Aus dem Autoradio lärmte Punkmusik und wir zündeten uns erst mal einen Joint an. Gonzo hatte schon jetzt Augen. die aus den Höhlen traten, aber das lag eher an dem wilden Cocktail aus Speed und Koks, den er sich eingeworfen hatte, so wie jedes Wochenende. Wir fuhren Richtung Innenstadt, wo willige, billige Nymphomaninnen auf uns warteten... So hofften wir, wie jedes Wochenende.

Doch die Realität war eine andere und ein paar Stunden waren wir völlig gefrustet, Pleite und voll wie tausend Mann. Wir stiegen wieder in unser Bluesmobil und ab ging die Fahrt zum nächsten McDrive.

Besorgt blickte ich auf die Tankanzeige, die sich in rasendem Tempo in den roten Bereich bewegte. Der Schlitten war ein starkes Gerät, doch sein mächtiger Achtzylinder schluckte tüchtig, genau wie wir.

Nachdem wir uns von meinem letzten Geld den Bauch vollgeschlagen hatten, fuhren wir weiter. „Da ist eine Tanke“, sagte ich zu Gonzo, „Hast du noch ein paar Scheine?“

„Jau, tank mal, ich erledige das", sprach Gonzo.

Ich steuerte das Ziel an und füllte den Tank bis zum Anschlag. Gonzo verschwand Richtung Kasse und ich wunderte mich schon über seinen unerwarteten Reichtum. Die Überraschung sollte noch größer werden.

Ich hängte den Zapfhahn ein und ging in die Tanke, um noch ein Paar Blättchen zu holen. Gonzo stand über dem am Boden liegenden Tankwart und trat ihm lautstark lachend in die Eingeweide.

„Bist du irre?! Das Blut versaut mir ja den ganzen Wagen!“, rief ich.

Gonzo lachte immer noch und sein Gesichtsausdruck war jenseits von Gut und Böse.

Ich zerrte ihn aus dem Laden und klatschte ihm einen Eimer Wasser in die Fresse. Mit einem Mal war er wieder voll da.

Ich verfrachtete ihn in den Wagen und noch bevor er irgend etwas sagen konnte, starteten wir los. In rasender Fahrt jagten wir durch die City und jeder Wagen hinter uns schien eine Zivilstreife zu sein. Wir fuhren gerade am Hauptbahnhof durch eine dunkle Unterführung, als ich etwas vor mir sah. Ich bremste hart, doch der Aufprall war unvermeidlich.

Als ich ausstieg, sah ich, was wir soeben überrollt hatten. Es war eine junge Frau, Sechzehn vielleicht, sie hatte sich sicher auch etwas besseres für diesen Abend vorgenommen, als mit mindestens 30 km/h über den Haufen gefahren zu werden.

Ich blickte mich um, aber niemand schien etwas von dem Unfall mitbekommen zu haben. Also verfrachtete ich die Kleine in den Font meines Wagens und fuhr los. Ich hätte es besser wissen müssen.

Noch bevor wir die nächste Ecke erreicht hatten, war Gonzo nach hinten geklettert und fiel über die Hilflose her wie ein Wolf über eine Schafherde. Ich war fassungslos. Die Kleine war zu sich gekommen und ihre Schreie trafen mich direkt ins Herz. Doch Gonzo kannte kein Erbarmen. Als er mit ihr fertig war, stoppte ich kurz und wir warfen ihren kleinen Körper in den Straßengraben.

Wir fuhren heimwärts. Ich parkte den Wagen an einer abgelegenen Stelle und nach ein paar Minuten Fußweg erreichten wir Gonzos heilige Hallen. Wir brühten uns einen starken Kaffee auf und ich unterband Gonzos Suche nach abstrusen Drogen mit einem harten Schwinger in die Magengrube.

Daraufhin machte er es sich auf dem Fußboden in seinem Erbrochenen gemütlich und verblieb dort, bis der Kaffee fertig war. Er  war stark und schwarz, so wie es sein sollte. Ich drehte mir noch eine Tüte und Gonzo guckte wie ein Marsmensch.

Er schmiß "Planet der Affen" in den Videorecorder und wir verbrachten den Rest der Nacht schweigend. Als der Morgen anbrach, fuhr ich heimwärts und wir verloren nie wieder ein Wort über die Angelegenheit.

In der Zeitung stand, sie hätte es überlebt. Ich überlegte, ob ich mich für sie freuen sollte...


Köln, 08.08.2000 - Erich Mielke

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