Lyriken von Kuno Liesegang


Spiegelnächte


Er steht vor dem Spiegel,
kann sein Abbild nur
verschwommen erkennen.
Tageslicht schmerzt in seinen Augen,
die er verschließt.
Blind taumelt er
in den dunklen Raum,
herabgelassene Jalousien,
kein Lichtstrahl fällt hindurch
und unterbricht die Dunkelheit.
Finsternis vertreibt den Druck
in seinem Kopf.

Die vergangene Nacht
war für ihn
zum Tag geworden.
Wie die Nacht zuvor.
Wie jede Nacht.
Die Erinnerung daran
verschwindet wie sein Abbild
im Spiegel.
Seine Gedanken bleiben
auf der geschliffenen Oberfläche
des Glases zurück.
Er legt sich hin.
Er ruht.
Schlafen kann er nicht.

Er spürt die Dunkelheit,
wie sie zurückkehrt.
Seine Augen öffnen sich
der Finsternis,
lassen sie hineinströmen
in jeden Winkel
seines verlangenden Geistes.
Er erhebt sich,
geht auf den Balkon.
Seine Sinne vernehmen
den lockenden
und vielfältigen Ruf
der Nacht.
Die Jagd beginnt!

(c) 16.03.1998 by Kuno Liesegang  
 
 




Tod der Sinne


Eines morgens wachte er auf
und war blind.
Er sah nicht mehr
die Kriege,
die Verbrechen,
die Ungerechtigkeiten
und die Gewalt.
Abends schlief er zufrieden ein.
Eines morgens wachte er auf
und war taub.
Er hörte nicht mehr
den Streit,
die Lügen,
die Heucheleien
und den Spott.
Abends schlief er beruhigt ein.
Eines morgens wachte er auf
und war stumm.
Nie wieder kamen
Wahrheit,
Lob,
Anerkennung
und Freude
über seine Lippen.
Abends konnte er nicht einschlafen.
Am nächsten Morgen stand er auf,
trat an das offene Fenster.
Kein Gedanke mehr daran,
von offenen Fenstern wegzubleiben.
Er sprang.
Sein Leben flog an ihm vorbei,
dreizehn Stockwerke lang.
Und zum ersten Mal
fühlte er sich frei.
Und glücklich.
Und zufrieden.
Und tot.
Wie seine Sinne.
 
 
(c) 11.03.1998 by Kuno Liesegang  

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