SKIZZEN AUS DER ZWISCHENZEIT
von Michael Breuer


"Die Liebe muß neu erfunden werden."
(Rimbaud)


(Köln, irgendein Sommer)

Ich kannte sie jetzt zwei Wochen und ungefähr seit dieser Zeit hatte ich nichts anderes mehr als ihre Zunge im Kopf. So war das damals.

Gemeinsam lehnten wir am Tresen. Ich hatte meinen Arm um Biggis Hüfte gelegt und krabbelte selbstvergessen über ihren Hintern.

Meine andere Hand griff derweil wie von selbst nach einem bereitstehenden Gläschen Tequila, führte es an die Lippen und ließ den Inhalt in meinem Körperinneren verschwinden. Der obligatorische Zitronenschnitzel folgte.

Kurzerhand schob ich ihn mir komplett in den Mund und kaute darauf herum. Dem sauren Oberton haftete ein chemischer Beigeschmack an, der die Zitrone nicht gerade zu einem Genuß werden ließ. Aber das wäre in diesem Lokal wohl auch zuviel erwartet gewesen.

Ich zog ein Gesicht, als wollte ich den Zitronenschnitzel wieder aushusten und musterte Biggi, die mich unter einer Locke ihres braunen Haars neckisch angrinste.

Die vier Freundinnen, die uns auf unserer Sauftour begleiteten, sahen nicht ganz so fröhlich aus. Wahrscheinlich, weil sie keinen so tollen Hecht wie mich abbekommen hatten.

Das Leben konnte manchmal verdammt ungerecht sein. Niemand wußte das besser als ich. Dennoch wähnte ich mich momentan ausnahmsweise wieder einmal auf der Sonnenseite.

Der Disk Jockey, der sich hinter seiner Anlage verschanzt hatte, als gelte es, einen Schützengraben zu halten, röhrte plötzlich einen unartikulierten Laut in sein Mikro und drehte die Musik wieder lauter.

Ein offenbar noch recht junger Herr, dessen bevorzugte Kleidungsfarbe vermutlich schwarz war, besang gerade in schwermütigen Versen die Schlechtigkeit der Welt und philosöphierte darüber, wie schön es doch sei, sich mittels einer Glasscherbe die Pulsadern zu öffnen. Begleitet wurde sein Monolog von enervierendem Pianogeklimper. Schwarze Romantik im Ausverkauf. Natürlich fanden wir das alle ziemlich cool damals.

Ich erspähte eine freie dunkle Ecke abseits der Theke und zog Biggi unauffällig mit mir. Mittels spitzer Ellenbogen bahnten wir uns unseren Weg durch die übrigen Gäste, bis wir das heimelig ausschauende Plätzchen erreicht hatten. Dort drängte ich Biggi unter leidenschaftlichen Küssen und Umarmungen in die Dunkelheit. Das Blut rauschte in meinen Ohren. Erst als die spitzen Kommentare von Seiten der übrigen Mädels unüberhörbar wurden, lösten wir uns schweratmend voneinander.

In Biggis funkelnden Augen las ich das Versprechen auf mehr. Mit hochroten Köpfen kehrten wir an die Theke zurück.

"So, Mäuse", fragte ich, "Wer schmeißt die nächste Runde?"

***


Später.

Ein großer käseweißer Vollmond hing vor dem weitgeöffneten Fenster und stierte neugierig auf unser Bett. Ich konnte ihm das lebhaft nachfühlen, gab es doch jede Menge zu sehen.

"Leise", mahnte Biggi immer wieder zischelnd unter mir, "Meine Mutter könnte uns hören..."

Nicht zum ersten Mal in dieser Nacht fragte ich mich, warum wir dann ausgerechnet bei ihr übernachtet hatten, anstatt wie gewohnt zu mir zu fahren, schob diese Gedanken aber sofort wieder beiseite. Die leidige Verwandtschaft gehörte immer noch eindeutig zu den Dingen, die ich an Mädchen noch nie geschätzt hatte, aber momentan hatte ich wirklich andere Dinge im Kopf.

Unvermittelt kam es mir und ungeachtet Biggis Ermahnungen röhrte ich wie ein Wahnsinniger zum offenen Fenster hinaus. Ob die hochgeschätzte Nachbarschaft diesen verfrühten Weckruf zu schätzen wußte, stand auf einem anderen Blatt. Mir jedenfalls war es herzhaft egal.

Schweratmend kam ich zur Ruhe, während Biggi wie gewohnt innerhalb von Sekundenbruchteilen aus dem Bett hechtete und im Bad verschwand, um sich von Kopf bis Fuß abzuschrubben, was ich offen gesagt gräßlich unromantisch fand, ohne es ihr indessen ausreden zu können.

Kaum war das Rauschen des Wassers verklungen, hörte ich auch schon das Krakeelen der Mutter. "Müßt ihr denn immer so laut sein?", nörgelte sie in breitem Dialekt.

Natürlich mußten wir, aber das konnten wir ihr wohl kaum begreiflich machen.

"Wie die Tiere..." klagte es im Flur und ich konnte das entrüstete Kopfschütteln der Mutter förmlich vor mir sehen.

Türenschlagen war zu hören und einen Moment später kehrte Biggi, frisch geschrubbt und parfümiert, an meine verschwitzte Seite zurück. Erleichtert stellte ich fest, daß wenigstens ihr Lächeln nicht fortgewaschen worden war, worauf ich sie erst einmal in den Arm nahm.

Der Mond sah uns immer noch zu. Ich fragte mich, wohin es mit uns führen würde. Zwei Wochen sind keine lange Zeit und im Grunde kannten wir uns immer noch kaum. Möglicherweise war ich verliebt. Zuweilen sollte so etwas ja vorkommen.

Nun, die Zeit würde es zeigen. An das Morgen zu denken, war noch nie eines der Dinge gewesen, für die ich mich erwärmen konnte. Warum auch über den nächsten Tag grübeln, wenn ich jetzt glücklich war!

Ich stieß ein wildes Grunzen aus und gab Biggi damit erneut Aufschluß über meine animalische Seite.

Lachend ließ sie es geschehen, daß ich mich auf sie stürzte und ihr im folgenden abermals Anlaß zu einem ausgiebigen Besuch der örtlichen Dusche gab.

***


"Joh, Kollege, ist schon schlimm mit dir. Man sieht dich kaum noch!" krächzte Mielke.

Ich blinzelte ihn über den Glas meines Bierhumpens hinweg an.

Der neben ihm sitzende Sepp Gerau nickte vehement. "Der hat es gerade nötig", dachte ich nach einem Seitenblick, meldete der gute Sepp sich in den letzten Jahren doch nur bei seinen Freunden, wenn er es mal wieder geschafft hatte, in Ermangelung der nötigen Fachkenntnisse seinen Computer außer Gefecht zu setzen, was zugegebenermaßen allerdings nicht gerade selten vorkam.

Mielke hatte heute auf sein "Ich wär so gern ein harter Bursche"-Outfit aus Ketten und Leder verzichtet und trug stattdessen einen cremefarbenen Anzug, der ihn aussehen ließ wie eine wandelnde Tube Mayonaise. Die Farbe stand ihm überhaupt nicht. Er wirkte, als habe man ihn in die Falten seines Anzuges hineingekotzt.

"Ach ja, das bringen die Girls halt so mit sich, gell", erwiderte ich lahm, "Wirst du auch noch eines Tages feststellen!"

An letzterer Tatsache zweifelte ich insgeheim allerdings, weigerte sich Mielke doch seit dem Aussterben der Dinosaurier vehement, sein Single-Dasein zu beenden.

"Hat eigentlich jemand mal wieder was von Andy gehört?" unterbrach Sepp Gerau meinen Gedankengang.

Ich schüttelte den Kopf. Besagtes Mädchen - eine Blondine, die jedes noch so platte, an jene Haarfarbe geknüpfte Klischee vortrefflich erfüllte - hatte sich schon vor einigen Monaten aus meinem Leben herausgestohlen. Ich konnte nicht sagen, daß ich traurig darüber war.

"Klar doch", wandte hingegen Mielke ein und erstaunt nahm ich zur Kenntnis, daß er immerhin zu einer Person weiblichen Geschlechts Kontakt hielt.

Wie sich herausstellte, hatte er vor ein paar Tagen mit ihr telefoniert und gab nun in gewohnt deftiger Manier eine lange und ungeheuerlich komplizierte Geschichte zum Besten, die Andys Liebesbeziehung zu einem offenkundig etwas debilen Tankwart zum Inhalt hatte.

"Auweia, da haben sich ja zwei gefunden", dachte ich im Stillen, als Mielke mit einem vernehmlichen Grunzen seine Erzählung beendete.

Sepp Gerau schüttelte traurig den Kopf. Seinem Gesichtsausdruck nach zu schließen, wünschte er sich gerade, er sei Tankwart. Sehnsüchtig blickten seine Augen in die Ferne. Er hätte sich in der Tat gut neben einer Zapfsäule gemacht.

Verstehen konnte ich seinen sehnsüchtigen Blick indessen nicht, hatte er doch immerhin eine nette Freundin zuhause sitzen.

"Auf die Frauen!", erklärte ich schließlich vernehmlich und hob meinen Bierhumpen. Darauf ließ sich immer gut anstoßen.

"Wohlan, Jungs, jetzt muß ich aber auch langsam los", stellte ich fest, nachdem ich das Glas geleert und auf die Uhr gesehen hatte. Immerhin wartete zuhause die süße Biggi auf mich.

Mielke brummelte unwillig irgendetwas vom "Beziehungs-Joch" und stierte mit glasigen Augen in seinen Humpen.

Ich ließ mich davon nicht beirren, sondern stand auf.

"Bis damals, Jungens", grüßte ich, zahlte meinen Deckel und wankte in die blauschwarze Nacht hinaus.

***


Eine andere Nacht, eine andere Kneipe.

Gemeinsam mit Biggi und jenen vier Freundinnen, die uns schon bei unserem Discobesuch Gesellschaft geleistet hatten, saß ich in einem überfüllten Irish Pub. Eine geöffnete Tüte Chips lag vor uns auf dem Tisch. Ich wußte nicht, wo diese herkam, aber beherzt ließ ich es mir schmecken.

"Jaaa", krähte Petra - eine aufgedonnerte, magere Blondine gerade, "Stellt euch vor, dann wollte er auch noch, daß ich es in den Mund nehme..."

Sie versuchte rechtschaffen entrüstet auszusehen. Es gelang nicht ganz. Für mich überwog der Eindruck, daß ihr die angedeutete Praktik viel eher einen Riesenspaß bereitet hätte.

Die übrigen Mädels machten große Augen und gaben sofort hilfreiche Ratschläge, wie in diesem im wahrsten Sinne des Wortes delikaten Fall mit dem betreffenden Mannsbild zu verfahren sei.

So gern ich Biggi auch hatte, kam ich mir doch momentan reichlich deplaziert vor.

Ich lehnte mich also zurück und widmete mich meinem Guinness, während ich mich im Geiste mit dem Abfassen eines schweinischen Limericks beschäftigte.

Erst als Petra nach einiger Zeit das Wort an Biggi und mich richtete, begann ich dem Geschehen wieder zu folgen.

"Sagt mal, wie lange seid ihr denn jetzt schon zusammen?", fragte sie neugierig und blickte mich unverwandt an.

Ich überlegte einen Moment. "Das müssen jetzt um die sechs Wochen sein", antwortete ich dann.

"Oooh, das ist aber lang", rief Petra aus und klimperte mit den Wimpern.

"Wie haltet ihrs denn mit der Treue?" fragte sie mich daraufhin. Während sie mit dem Straßohrring an ihrem rechten Ohr spielte, hob sie das abgewinkelte linke Bein und stellte es auf die Bank. Dabei rutschte ihr schwarzer Minirock nach oben.

Als sie die Beine demonstrativ weiter spreizte, durfte ich feststellen, daß sie auf das Tragen eines Höschens verzichtet hatte.

Ich klappte den Mund auf, blieb einen Moment sprachlos und klappte ihn wieder zu.

Neben mir war Biggi in ein geradezu antarktisches Schweigen verfallen. Selbst der Ätna hätte sie nicht auftauen können, wäre er zufällig in der Nähe gewesen.

Petra grinste mich fröhlich an und wartete offenbar immer noch auf eine Antwort meinerseits, zu der ich mich allerdings momentan nicht in der Lage sah. Nunja, immerhin wußte ich jetzt zweifelsfrei, daß sie keine echte Blondine war.

Ich rettete die Situation schließlich, indem ich den soeben gedichteten schweinischen Limerick zum besten gab. Biggis Stimmung indessen schien das Produkt meiner dichterischen Fähigkeiten nicht zu verbessern. Sie sah aus, als habe sie der Freundin am liebsten an Ort und Stelle den Hals her- umgedreht. Die Laune war ihr tüchtig verhagelt worden.

"Jetzt einen guten Doppelkorn", dachte ich sehnsüchtig, als ich die Eifersucht bemerkte, die heiß aus ihren Augen sprühte. Ich nahm sie in den Arm und gab ihr einen Kuß, der sie letztendlich dann doch etwas zu besänftigen schien. Dennoch fanden wir es an der Zeit, nun langsam diesen geselligen Abend zu beenden.

Gemeinsam fuhren wir nach Hause und die Welt drehte sich weiter.

***


So verging also die Zeit. Aus gemeinsamen Wochen wurden Monate und Monate addierten sich zu Jahren. Längst war Biggi bei mir eingezogen.

Während ich an meinem Schreibtisch saß und an einer Kurzgeschichte tüftelte, hörte ich hinter mir das nervenzermürbende Geklapper ihrer Häkelnadeln.

Unter heiterem Glucksen verfolgte Biggi ein sich anbahnendes menschliches Drama in den Pappkulissen von 'Gute Zeiten, schlechte Zeiten'. Mir stand der Sinn nicht nach derlei Fernseh- Kost. Was genau ich wollte, wußte ich allerdings auch nicht. Meine Konzentration war jedenfalls zum Teufel.

"Ich geh mal um den Block", erklärte ich und erhob mich von meinem Schreibtischstuhl.

Biggi lächelte mir flüchtig zu, um sich dann dem Häkeln und Fernsehen zuzuwenden. "Jaja, bis nachher", antwortete sie. Wahrscheinlich hätte ich genauso gut ankündigen können, vom Kölner Dom springen zu wollen, die Reaktion wäre dieselbe gewesen. Zumindest schien ihr Tonfall das anzudeuten.

"Na prima", dachte ich im Stillen, "Wie ein altes Ehepaar, das sich nichts mehr zu sagen hat..."

Dennoch unterließ ich eine Erwiderung und trat einen Moment später hinaus in die Dunkelheit dieses späten Herbstabends. Der Wind schnitt kalt in meine Haut.

Für einen kurzen Moment lang fühlte ich mich scharf wie die Mondsichel und bunt wie das Leben, dann kehrten meine Sorgen zurück.

Ich kaperte mir ein frisches Päckchen Zigaretten und setzte zu einem längeren Spaziergang an.

***


Das Stadtfest war noch in vollem Gange, aber es wurde Zeit zu gehen, also bewegten wir uns langsam zurück zum Auto.

Wir - das waren in diesem Fall Mielke, Andy und meine Wenigkeit.

Nebeneinander trabten wir über die belebte Severinsstraße, an deren unterem Ende Mielke seinen Wagen geparkt hatte. Währenddessen plapperte Andy mit heller Stimme über den immer noch aktuelllen Tankwart, mit dem sie allerdings momentan offenbar sehr unglücklich war. Nun, da hatten wir ausnahmsweise etwas gemeinsam. Dennoch ging es mir in einer Beziehung besser als Andy. Ich wurde wenigstens von Biggi nicht vermöbelt.

Genaugenommen wußte ich nicht einmal, wo sie sich gerade herumtrieb. Ich glaubte mich erinnern zu können, daß sie etwas mit ihren Freundinnen unternehmen wollte, konnte mich aber auch täuschen.

Es war das erste Mal seit Jahren, daß ich Andy wiedersah. Sie schien ein bißchen abgenommen zu haben, hatte sich aber ansonsten kaum verändert. Während wir so dahinschritten, huschten vage Gedanken an Früher durch meinen Kopf: an eine Zeit, als sie von Zuhause ausgerissen war und bei mir Unterschlupf gesucht hatte, an wildes Herumgeknutsche im Spätsommersonnenschein, unvermittelt unterbrochen von dem desillusionierenden Satz: "Du, ich fahr jetzt aber zum Habib, den hab ich nämlich wirklich lieb".

Ich lächelte müde. Das alles war mächtig lange her.

"Wo steht die Karre denn?", grunzte Mielke unwillig und kratzte sich den kahlen Schädel.

"Na komm, hier irgendwo muß er doch sein!", gab ich zurück und dachte dabei im Stillen an einen Amsterdam-Ausflug, bei dem wir genau dasselbe Problem gehabt hatten. Damals hatten wir eine halbe Nacht gebraucht, um unseren Wagen wiederzufinden. Ich konnte nur hoffen, daß es diesmal schneller ging.

Unvermittelt stieß Mielke einen wiehernden Laut aus, mit dem er uns kundtat, endlich das Auto ausfindig gemacht zu haben.

Mit umständlichen Bewegungen kletterte er hinter das Lenkrad, während ich auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Andy machte es sich hinter mir bequem. Scheppernde Geräusche wurden laut, als Mielke den Motor in Gang setzte und in seinem üblichen Kamikaze-Stil losfuhr.

"Laßt uns noch einen heben gehen", schlug ich vor. Kein sonderlich origineller Einfall, aber für einen Sonntagnachmittag durchaus nett.

Nun, da er ein Ziel hatte, wurde Mielkes Fahrstil etwas zivilisierter. Immerhin wollte er die Tränke heil erreichen.

Hinter uns bekräftigte Andy mit heller Stimme, was für gute Freunde wir beide ihr doch seien und begann unterdessen von hinten mit spitzen Fingern meinen Nacken zu krabbeln. Das fühlte sich indessen nicht ganz so freundschaftlich an, ich ließ es mir dennoch gerne gefallen, brummte ein wenig vor mich hin und lehnte mich im Sitz zurück.

Andy rutschte etwas nach vorne und war schon bald mit allen 10 Fingern damit beschäftigt, mich ausgiebig zu kraulen.

Mielkes Blick war starr auf die Straße gerichtet. Er tat, als beachte er uns nicht. Vielleicht war die Vorfreude auf ein kühles Bier aber auch so stark in ihm, daß er Andys neckische Krabbeleien tatsächlich nicht bemerkte.

Erst als wir uns der Kneipe auf Sichtweite genähert hatten und es langsam Zeit wurde, nach einem Parkplatz Ausschau zu halten, kam wieder Leben in ihn und abermals stieß er einen wiehernden Laut aus.

Unterdessen hatte sich Andy weiter nach vorne gebeugt und über die Lehne hinweg spürte ich ihren heißen Atem an meinem Ohr. "Sag mal, magst du mich nicht wieder mal besuchen kommen?", fragte sie flüsternd.

Ich antwortete nicht, sondern brummte noch ein wenig vor mich hin. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr gefiel mir die Idee.

Ehe ich zu einem endgültigen Entschluß kommen konnte, entdeckte Mielke endlich einen Lücke aus und machte sich in Harakiri-Manier ans Einparken.

***


Nach dem Stadtfestbummel zogen ein paar Wochen ins Land, in denen ich Andy mehrmals aufsuchte.

Nun stand ich wieder hier. In ihrem angeschmuddelten, chaotisch ausschauenden Appartment. Hell schien der Mond durchs Fenster und aus der Imbissbude gegenüber drang Geschrei mit südländischem Akzent herüber. Ich zog meinen Reißverschluß hoch.

"Bist du sicher, daß du schon gehen willst?" schnurrte es von der Couch.

"Jep, alte Männer müssen jetzt in die Heia", gab ich zurück. Ich hatte zwar keine Ahnung, wo Biggi gerade steckte, aber es konnte nicht schaden, mich zu überzeugen, ob die Möbel noch am rechten Fleck standen.

Mit umständlichen Bewegungen warf ich mir meine Jacke über und stopfte mir ein paar übriggebliebene Bierdosen als Wegzehrung in die Tasche. Von der Couch aus blinzelte mir Andy verführerisch zu.

Es klingelte an der Tür.

"Machst du mal bitte auf!", bat sie und fuhr sich durch die blonde Mähne.

"Aber sicher doch", gab ich zurück. Gemächlich durchquerte ich den engen Flug und richtete mich im Geiste schon darauf ein, gleich die Bekanntschaft des legendären debilen Tankwarts zu machen - eine Bekanntschaft, nach der mir nicht unbedingt der Sinn stand.

Aber es war kein Tankwart, wie ich feststellte, als ich die Tür öffnete, obwohl sich der Besucher sicherlich sehr gut neben einer Zapfsäule gemacht hätte.

Es war Sepp.

"Ach hallo", nuschelte er etwas verlegen, als er mich im Türrahmen identifizierte, "Was machst duuu denn hier?!"

Offenbar fand er mich an diesem Ort etwas fehl am Platze. Nun, seine Freundin hätte das in Bezug auf ihn wahrscheinlich auch empfunden.

"Ich schnorre mich durch die Gemeinde", gab ich zurück, "Ein Bier gefällig?"

Ohne eine Antwort abzuwarten, drückte ich ihm eine Dose in die Hand. Er musterte sie einen Augenblick, als wüßte er nicht, ob er sie öffnen oder lieber genüßlich in sein Rektum einführen solle. Nach endlosen Sekunden entschloß er sich für die erste Möglichkeit. Ich war mir allerdings nicht sicher, wie seine Wahl ausgefallen wäre, hätte ich die Wohnung bereits verlassen gehabt.

Während er noch das Bier kostete, schob ich mich auch schon an ihm vorbei.

"Ich wollte ohnehin gerade gehen", erklärte ich, "Machts gut, ihr Süßen..."

"Tschühüüüß", piepste Andy von der Couch her, als könne es ihr gar nicht schnell genug gehen.

Ehe ich mich in den Hausflur verflüchtigen konnte, spürte ich plötzlich Sepps Hand auf meiner Schulter. Sein Gesicht hatte einen listigen Ausdruck angenommen.

"Willst du wirklich schon gehen?", fragte er mit unüberhörbar lüsternem Tonfall. Er machte eine Kopfbewegung in Richtung Andy.

"Bedenke, Kollege, wir könnten sie uns teilen..."

Ich stierte ihn einen Moment an, um herauszufinden, ob er diesen Vorschlag tatsächlich ernst meinte.

"Ach nee, lass mal stecken, Alter", erwiderte ich dann, "Du weißt doch, ich teile nie..."

Ich tippte mir an den Hut, um mich zu empfehlen. "Angenehme Verrichtung!" wünschte ich noch und verschwand in der Nacht.

***


Ich kannte sie jetzt seit fünf Jahren und ein paar Monaten. Immer noch hatte Biggi wunderschöne Augen, aber längst verspürte ich deshalb keine romantischen Anwandlungen mehr in mir. So war das nun einmal.

Wir standen an einem Bahnsteig mitten in der Innenstadt und der Winterwind pfiff uns um die Ohren. Gerade hatte Biggi den wohlbekannten Satz ausgesprochen, der jeder Beziehung den Todesstoß versetzt: "Ach du, lass uns doch einfach nur Freunde sein..."

Ich blickte sie an und schwieg.

"Mir recht", erwiderte ich knapp. Gespannt wartete ich ab, ob sie den Anstand besaß, sich nun zu bücken und zu sagen: "Bitte tritt mich jetzt ganz, ganz fest in meinen dummen Hintern", so wie es alle Menschen tun sollten, die ihrem Partner einen solchen Satz um die Ohren feuern und ihm so das Herz herausreißen. Nicht, daß es bei mir viel zu reißen gegeben hätte...

Natürlich bückte sie sich nicht.

"Tja, ich schätze, das wars dann wohl", erklärte sie und zog den Schlußstrich unter unsere fünf gemeinsamen Jahre.

Langsam näherte sich eine Straßenbahn. Ich blickte ihr entgegen und fragte mich im Stillen, warum Menschen bei derlei Gelegenheiten immer solch furchtbar geistreiche Dinge von sich gaben.

"Ja", antwortete ich.

"Ich fahr mal besser", verabschiedete sich Biggi und schaffte es tatsächlich, ihren Blick ein bißchen traurig ausschauen zu lassen. Das gab mir eine gewisse Genugtuung, aber das Bücken wäre mir trotzdem lieber gewesen.

Ich nickte.

Mit hängenden Schultern begab sich Biggi zur Straßenbahn und stieg ein. Ich blieb stehen, bis der Zug den Bahnsteig verlassen hatte. Brütend schaute ich ihm hinterher, bis er Biggi endgültig aus meinem Leben hinausbefördert hatte.

Sie hatte traurig ausgesehen an diesem Nachmittag auf dem Bahnsteig, aber gottlob fing sie sich schnell wieder. Schon einen Monat später heiratete sie nämlich einen netten jungen Herrn von der Elfenbeinküste, der zwar über mangelhafte Deutsch-Kenntnisse verfügte, dafür aber einen wirklich exklusiven Namen besaß, der sich las wie das Resultat einer Explosion in der Buchstaben-Suppen- Fabrik. Sowas hatte nicht jeder.

Wenn er sich für das Klappern von Häkelnadeln erwärmen konnte, würden sie sicherlich sehr glücklich miteinander werden, aber natürlich interessierte mich das einen Dreck.


(c) 09.11.1999 by Michael Breuer


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