MANGUSTEN
von Michael Breuer


Die schwarzen Engel kreisten heute besonders tief. Ihre schlanken Körper spiegelten sich auf dem nassen Asphalt der Straße, während sie am Himmel unablässig ihre Runden drehten.

Mittlerweile war der Platzregen vorüber und langsam kroch die brennend heiße Sommersonne wieder aus dem Versteck, in das sie vor einer halben Stunde geflüchtet war, um dem Wolkenbruch trockenen Hauptes zu entgehen.

Ich selbst hatte nicht ganz so viel Glück gehabt. Wasser rann mir aus dem Haar in die Augen und ich blinzelte. Das schwüle Wetter trug nicht gerade zu meinem Wohlbefinden bei.

Hinter den Fenstern der nassen Hochhäuser bewegten sich die Schatten namenloser Menschen. Ich fragte mich, ob sie wohl glücklicher waren als ich, würde es aber wohl nie mit absoluter Sicherheit erfahren. Nun, immerhin waren sie trocken geblieben.

Schwermütig nahm ich auf einer kleinen Begrenzungsmauer Platz. Das schwarze Leder quietschte, als ich mich setzte und meinem Rucksack eine frische Dose Bier entnahm. Mit einem Ruck zog ich den Verschluss ab. Weißer Schaum spritzte weit über die Straße und sammelte sich auf dem Boden zu schmutzig trüben Lachen der Nichtigkeit.

Das Mädchen folgte mir immer noch.

Ich nippte an dem lauwarmen Bier und blickte ihm mit aller Gelassenheit, derer ich fähig war, entgegen.

Schließlich erreichte es mich, um sich neben mir auf dem Mäuerchen niederzulassen. Es lächelte, etwas schief, als ich ihm kommentarlos die angebrochene Bierdose in die Hand drückte, trank aber nicht, sondern drehte sie etwas ratlos in den Händen.

"Ist genug davon da", ermunterte ich.

Zögernd nahm es einen Schluck und verzog das Gesicht. Lauwarmes Bier war nicht jedermanns Sache. Meine auch nicht, aber manche Sachen im Leben konnte man sich nicht aussuchen.

„Wenns nicht schmeckt, kipp es halt weg!", kommentierte ich, griff abermals in meinen Rucksack und zog ein neues Bier für mich hervor.

"Nein, nein, geht schon."

Sie hielt die Dose fest und nahm tapfer einen weiteren Schluck.

„Wie auch immer..."

Ich zuckte mit den Achseln und öffnete das zweite Bier. Abermals zischte weißer Schaum quer über die Straße. Geistesabwesend begann ich zu trinken.

Es war ein stiller Tag. Nur das sanft knisternde, stetig andauernde Flügelschlagen der Engel erfüllte die Luft mit einem gleichmäßigen monotonen Brummen, das auf angenehme Weise einschläfernd wirkte. Die Straßen waren verlassen. Wahrscheinlich zogen die Menschen es vor, sich in ihren Wohnungen hinter einem Ventilator zu verschanzen. Es war bedeutungslos.

Die Stimme des Mädchens riss mich aus meinen Gedanken: "ich dachte, du wärst nicht mehr böse."

Müde lächelnd stand ich wieder auf. "Böse? Bin ich nicht."

Ich dachte einen Moment nach und ergänzte: "Mein Herz ist eine alte Bratpfanne."

Konsterniertes Schweigen war die Antwort. Was hätte sie darauf auch sagen sollen?

"Aber...", begann sie schließlich doch.

Ich winkte ab. Mir stand der Sinn nicht nach unergiebigen Diskussionen. Meine Zeit war zu kostbar um Gedanken zu verschwenden an Dinge, die erledigt waren.

Langsam entfernte ich mich ein paar Meter und ließ den Blick über die nasse Straße streifen.

"Wir werden sehen, wie es weitergeht", erklärte ich abwesend, "Nur nicht gerade jetzt..."

Jetzt wollte ich vornehmlich allein sein mit meinen Gedanken. Bald würde vielleicht alles nicht mehr ganz so trübsinnig ausschauen, aber daran dachte ich momentan eben nicht.

Ich blickte sie noch einmal an. Für eine gewisse Zeit hatte ich in ihren Augen etwas zu sehen geglaubt, das meine Aufmerksamkeit länger als den üblichen Lidschlag zu fesseln vermochte. Nun war es verschwunden. Vielleicht war es auch einfach niemals dagewesen.

"Ich gehe", kündigte ich an und schulterte meinen speckigen Rucksack.

Sie nickte traurig. "Bis morgen dann?" fragte sie leise.

"Natürlich, bis morgen", antwortete ich, wandte mich ab und ging langsam die schmutzig‑nasse Straße hinunter.

Eine Wolke hatte sich vor die Sonne geschoben. Schwermütig sinnierte ich über das, was war und was hätte sein können. Verschwendete Gedanken. Wie so viele in der letzten Zeit.

Ich blickte nach oben. Die schwarzen Engel zogen immer dichter ihre unergründlichen Kreise. Kalte Tropfen auf meiner Nase. Es begann wieder zu regnen.


(C) 7/2002, Michael Breuer


Zurück