DIE TAGE DAZWISCHEN
von Michael Breuer


(Köln, Herbst 2000)

Die Zeit war wie im Flug vergangen und ohne, dass ich es bemerkt hatte, war die Nacht hereingebrochen. Ein spärlicher Streifen Mondlicht bahnte sich zielstrebig seinen Weg durch die eng beieinander stehenden Häuserzeilen hindurch und erreichte schließlich mein Wohnzimmer. Allerdings schenkte ich ihm nicht allzu viel Beachtung. Eine schöne Frau lag in meinem Arm. Ich küsste sie.

„Bitte nicht, Mike", hauchte sie und drückte mich sanft zurück. Im gleichen Moment schien sich das Mondlicht wieder zurückzuziehen. Auch das romantische Flair war plötzlich verschwunden. Wahrscheinlich war es von der Dunkelheit verschluckt worden.

Ich atmete tief durch. Silvias dunkle Augen zeigten eine absurde Mischung aus Zärtlichkeit, Schmerz und der Furcht, mich zu verletzen. Nicht, dass es bei mir momentan viel zu verletzen gegeben hätte...

Müde setzte ich mich auf und nippte an meinem Weinglas – nur um gleich darauf festzustellen, dass ich es irgendwann im Laufe des Abends wohl mit dem Aschenbecher verwechselt hatte.

Silvia nutzte die gute Gelegenheit, um ihr Höschen vom Boden aufzuklauben und hineinzuschlüpfen. Die Jeans folgte. Der ganze Vorgang ging mit nahezu atemberaubender Geschwindigkeit vor sich und so gelang es mir nur mit Mühe, noch einen sehnsüchtigen Blick auf ihre langen Beine zu erhaschen. Er lohnte sich trotzdem.

Ich lehnte mich in den Polstern zurück und verfolgte den Rest des Ankleidevorgangs.

„Es tut mir leid", sagte sie und strich sich eine dunkle Haarsträhne aus der Stirn, „Glaub mir, es ist besser so..."

Möglicherweise hatte sie sogar recht. Vielleicht war alles, was uns blieb, nur der Traum einer durchzechten Nacht. Ich wusste es nicht. Momentan wollte ich es auch gar nicht wissen.

Suchend wanderte sie durchs Zimmer, fand schließlich ihr T-Shirt, zog es sich über den Kopf und nun verschwand auch ihr üppiger Busen meinem Sichtfeld. Gerne hätte ich gewusst, ob hinter dieser Brust ein Herz schlug. Bei mir selbst war ich mir zuweilen nicht so sicher.

Ich zündete mir eine Zigarette an und beobachtete, wie sie den im Zimmer verstreuten Inhalt ihres verwaschen ausschauenden Rucksacks zusammensuchte. Genießerisch blies ich einen Rauchkringel in die Dunkelheit des Zimmers. Wahrscheinlich rann mir meine verlogene Coolness schon zu den Ohren heraus, aber damit konnte ich leben.

Minuten der Stille folgten. Endlich hatte Silvia das Ankleiden und Aufsammeln beendet. Den Rucksack über die Schulter geschwungen, stand sie da. Dunkel hob sich ihr Schattenriß gegen das aus der Küchentür hereinfallende Licht ab. Trotz des nahenden Abschieds lag etwas absurd kokettes in ihrer Gestik. In meinem Herz spürte ich gleichermaßen schmerzhafte Splitter von Trauer und Begehren.

„Tja, ich geh dann besser mal", sagte sie und zum wiederholten Male in meinem Leben fragte ich mich, warum Menschen in Situationen, die unmittelbar das Herz berühren, immer zu solch furchtbar banalen Sätzen neigen.

Ich nickte und erhob mich, um sie zur Tür zu bringen. Dort, im Flur, umarmte ich Silvia ein letztes Mal. Meine Hände streichelten über ihren Körper. Schließlich küsste ich sie leidenschaftlich. Ich spürte ein kurzes Widerstreben, aber immerhin wandte sie den Kopf nicht ab. Ich schätze, DAS hätte mich wirklich verletzt.

„Komm gut nach Hause", sagte ich, als sie sich schließlich sanft von mir löste und stellte fest, dass banale Sätze auch mir nicht ganz fern lagen.

„Schlaf gut" hauchte sie mir ins Ohr und huschte in den dunklen Hausflur hinaus. Ich blieb in der offenen Wohnungstür stehen, bis ihre immer schneller werdenden Schritte im Treppenhaus verhallten.

Erst als ich ihren Wagen starten hörte, schloß ich die Tür, wankte wie ein angeschlagener Boxer zurück ins Wohnzimmer und ließ mich wieder auf die Couch fallen, deren Polster immer noch ihren Duft in sich trugen.

„Da geht wieder eine..." dachte ich müde.

***


Der Morgen darauf.

Sechs Uhr in der Früh. Ich stand am Küchenfenster und hielt eine Tasse heißen, dampfenden Kaffees in den Händen. Aus verschlafenen Augen blickte ich hinab auf den unter mir liegenden Supermarktparkplatz.

Die Straßenlaternen vermochten nur unzureichend die tintenschwarze Dunkelheit zu erhellen. Hinzu kam dichter Morgennebel. Insgesamt, so stellte ich fest, gab es dort draußen nicht viel zu sehen, aber das hatte ich eigentlich auch nicht angenommen.

Ich stürzte den letzten Schluck Kaffee hinunter, warf mir den Mantel über und verließ die Wohnung. Ein neuer Arbeitstag im Büro harrte meiner.

Mit zügigen Schritten ging ich über den Parkplatz, überquerte die Straße und postierte mich an der nahen Busstation. Gedankeneindrücke des vergangenen Abends trudelten durch mein Hirn.

Natürlich, so sinnierte ich trübe, war es ein Fehler gewesen, die Geschichte mit Silvia nach den vergangenen Monaten noch einmal aufzuwärmen, aber andererseits kamen wir auch nicht voneinander los. Es war ein Dilemma, zu dem mir momentan keine rechte Lösung einfallen wollte, aber andererseits war es ja auch noch ziemlich früh am Tag.

Mit quietschenden Reifen bog der Bus um die Ecke. Gemütlich stieg ich ein und ließ mich auf einen der freien Plätze fallen, im Geiste mit dem Abfassen eines schweinischen Limericks beschäftigt. Das brachte mich einer Lösung für meine Beziehungsprobleme zwar nicht unbedingt näher, war aber entschieden amüsanter als frühmorgendliche Grübeleien.

Der Bus fuhr los und wirbelte mich an einen anderen Ort.

***


Wochenende.

Ich näherte mich zielstrebig der Mülheimer Stadthalle und erblickte schon aus einiger Entfernung die Schlange, die sich an der Veranstaltungskasse gebildet hatte.

Ich seufzte wie ein waidwunder Boxer, reihte mich aber brav ein.

Eine halbe Stunde später war es geschafft. Mit gezückter Geldbörse baute ich mich vor der mageren Blondine auf, der die ehrenvolle Aufgabe zukam, das Eintrittsgeld zu kassieren.

„Dich kenn ich aber auch von irgendwoher", lispelte sie, während sie mich um einige Märker erleichterte.

„Schwarzwald, 1990", antwortete ich nach einem Moment des Überlegens.

Damals, auf einer dieser obskuren Versammlungen weltschmerzgeplagter Hobby-Dichter, wie es sie in jedem Supermarkt im Dutzend billiger gibt, hatte ich eine stocksteife Lesung vorübergehend aufgelockert, indem ich kurzerhand vors Podium kotzte, was natürlich aus meinem vorherigen Alkoholkonsum resultierte. Die Qualität des vorgetragenen Textes war allerdings auch nicht ganz unschuldig gewesen. Dennoch hatte man sich beharrlich geweigert, mein Verhalten als adäquate Form des Kritikübens anzuerkennen, sondern mich stattdessen des Saales verwiesen. Kein Wunder also, dass ich der Schnecke im Gedächtnis geblieben war.

Ihr Gesicht erhellte sich jetzt.

„Aaaaach, du bists, Kotzdarm!!!", rief sie freudig aus. Ich lächelte etwas säuerlich und nahm mein Wechselgeld entgegen.

„Wenn du das schon stark fandest, dann warte mal ab, was ich mir für dieses Mal habe einfallen lassen!" verkündete ich geheimnisvoll, nickte ihr noch einmal zu und schwebte gen Eingangshalle.

Gesprächsfetzen und lautes Lachen brandeten mir wie eine Woge entgegen. Immerhin, so sinnierte ich, wenn auf deutschen Literaturveranstaltungen wieder gelacht werden durfte, war noch nicht alles verloren. Ich erinnerte mich da an einige Begebenheiten aus früheren Jahren, bei denen es mir noch heute kalt den Rücken hinunterlief. Immerhin war ich nun schon ein Weilchen im Geschäft.

Zielstrebig bahnte ich mir meinen Weg Richtung Theke. Schon von weitem erblickte ich die üblichen Verdächtigen, gekleidet in weite, parkaähnliche Gebilde, schreiend bunt-karierte Hemden und Cordhosen, das Gesicht entstellt durch den schon obligatorischen schwermütigen Ausdruck selbstauferlegten Weltenjammers. Alle redeten laut durcheinander, vornehmlich von sich selbst. Nur ein paar verdrossen ausschauende Germanistik-Studenten fehlten noch, um den absurden Eindruck abzurunden.

Milde belustigt bahnte ich mir meinen Weg zwischen den Recken der Reimkunst hindurch, bis ich endlich an der Theke angelangt war. Dort erblickte ich ein weiteres bekanntes Gesicht. Es handelte sich um einen der Veranstalter dieser unterhaltsamen Festivität.

„Tach Rudi", grüßte ich, „Ein Bierchen, wenn's recht ist..."

Der Angesprochene stieß ein muhendes Lachen aus, wodurch seine zahllosen Kinne in eine abenteuerlich ausschauende schlingender Bewegung verfielen. Schließlich beruhigte sich seine Gesichtsmuskulatur soweit, dass er in Ruhe zapfen konnte. Rudi pflanzte das Bier vor mir auf und gesellte sich zu mir.

„Bitte schön", sagte er, „Aber nenn mich in Zukunft bitte nur noch Rudolf."

Eifrig kippte ich mir den guten Saft hinter die Binde.

„Warum das?" begehrte ich zu wissen.

„Ich habe mich weiterentwickelt", erklärte er stolz, „Der alte Rudi Schmökes ist von uns gegangen. Ich bin jetzt reifer und erwachsener und dem möchte ich Rechnung tragen, indem ich mich fortan bei meinem vollen Namen rufen lasse. Ich bin jetzt Rudolf Wilfried Schmökes – ein völlig neuer Mensch!"

Aus grossen Augen starrte ich Rudi an und bemühte mich, Anzeichen seiner neuen erwachsenen Persönlichkeit zu finden. Immerhin war der gute Mann schon Mitte Vierzig. Es gelang mir jedoch nicht ganz.

Rudi lächelte mich an, weise und ganz in sich selbst versunken. Ein Fels in der Brandung der Hobby-Literaten. Ich fragte mich, ob er bewusstseinserweiternde Drogen nahm oder ob seine Sicherungen ganz ohne Zuhilfenahme chemischer Substanzen durchgebrannt waren. Wahrscheinlich würde ich es nie erfahren.

Unvermittelt griff Rudi nun unter sein Hemd, wodurch die Kinne abermals zu schlingern begannen. Mit schweißigen Händen zog er ein schmales Bändchen hervor und hielt es mir direkt vor die Nase.

„Magst du meinen neuen Gedichtband erwerben?" röhrte er, „Ich signiere ihn dir auch gerne."

Gebannt musterte ich das schlichte Cover. Nach einer Weile vermochte ich sogar die handgemalten Buchstaben zu entziffern, die mir Aufschluß über Titel und Verleger des besagten Werkes gaben:

„MONDSCHEIN UNTER MEINEN ACHSELN – Experimentelle Lyrik von Rudolf W. Schmökes, herausgegeben von Schmökes Press".

Verzweifelt überlegte ich, wie ich Rudi am schonendsten beibringen konnte, das ich keinerlei Kaufabsichten hegte, erkannte dann, das mir keine Chance blieb und fügte mich in mein Schicksal.

„Immer her damit", erklärte ich, „Und bring gleich ein neues Bierchen mit.

„Wirst du eine Besprechung in deinem Magazin bringen?" fragte Rudi hoffnungsvoll, als er zurückkehrte.

Ich überlegte abermals und nun lächelte ich ebenfalls weise und ganz in mir selbst versunken. Ein weiterer Fels in der Brandung der Hobby-Literaten.

„Nein", erklärte ich milde und schüttelte den Kopf. „Ich habe aufgehört, Rezensionen zu verfassen, als auch ich zum ersten Mal spürte, wie eine neue Persönlichkeit in mir keimt. Ich werde mich fortan nur noch meiner eigenen Kunst widmen."

Ich beugte mich zu Rudi hinüber, als wollte ich ihm ein großes Geheimnis anvertrauen. „Achte in Zukunft auf den Namen Schwonko!", flüsterte ich ihm konspirativ zu.

Rudi blickte mich an, als habe ich mich gerade in einen grünen Elefanten verwandelt. Offenbar hatte ich ihn ein wenig aus dem Konzept gebracht. Schließlich berappelte er sich wieder und legte die Hand auf den Gedichtband. Ein Ausdruck kaufmännischer Verschlagenheit schlich sich in seine Züge.

„Das macht übrigens 22,50 DM" erklärte er stolz.

Hobby-Literaten sind immer auch gute Geschäftsleute, Rudi bildete da keine Ausnahme.

***


Etwas später.

Ich hatte mich mittlerweile auf einer Couch aus grünem Kunstleder etwas abseits der Theke deponiert und blätterte, von Zeit zu Zeit an meinem Bierchen nibbelnd, in dem zuvor erstandenen Gedichtband.

Es war eine wahrhaft schauerliche Lektüre. Ich fragte mich, ob meine bescheidenen Texte ein ähnliches Gefühl beim Leser hervorriefen, aber im Grunde war mir das herzhaft egal.

Rudi war jetzt vom Thekendienst abgelöst worden und walzte auf der Suche nach weiteren potentiellen Käufern durch die einzelnen Veranstaltungsräume. Ich sah mich um.

Es war früher Nachmittag und mittlerweile hatte sich die Anzahl der anwesenden Gäste auf rund 200 erhöht. Zahllose bekannte Gesichter tummelten sich darunter. Manche davon warfen mir leicht indignierte Blicke zu, woraufhin ich ebenso indigniert zurückblickte. Mit den Jahren bekam ich eine gewisse Übung darin.

Schließlich ließ ich den Gedichtband in den Weiten meines Mantels verschwinden und raffte mich wieder auf.

Wie auf solchen Veranstaltungen üblich, war auch diesmal die Frauenquote verschwindend gering. Obwohl sie das allbeherrschende Thema der Texte der anwesenden Hobby-Literaten darstellten, zogen es die holden Damen offenbar vor, lieber zu Hause zu bleiben. Ganz unverständlich war mir dieses Verhalten nicht.

Schließlich erblickte ich doch noch ein Exemplar jener seltenen Spezies. Sie lehnte lässig an der Theke und genoß, wie nicht anders zu erwarten war, die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der umstehenden Gäste. Ich kannte sie flüchtig.

Betrunken genug, um die Sache etwas forscher anzugehen, bahnte ich mir meinen Weg zwischen den balzenden Reimeschmieden hindurch und pflanzte mich neben ihr an der Theke auf.

„Tach Tina", grüßte ich munter, „Biste auch hier?"

Die Frage entbehrte zwar jeglichen Sinns, aber sinnfreie Kommunikation schien ohnehin einen Schwerpunkt dieser Veranstaltung zu bilden. Ich befand mich also auf der sicheren Seite.

Aus verhangenen Augen schaute sie mich an und pustete sich eine Strähne rotblonden Haars aus dem Gesicht.

„Öööh, ja", erwiderte sie dann nicht eben geistreich, „Und du?"

„Aber immer doch", gab ich zurück und winkte Rudis Wachablösung heran, „Tu uns mal zwei Bierchen, Kellermeister!"

Die Lieferung erfolgte prompt. Nach einem herzhaften Schluck wandte ich mich wieder Tina zu.

„Was macht denn die Kunst, Teuerste?", fragte ich.

Immerhin zählte auch sie zu den Mitgliedern der schreibenden Zunft und hatte mich schon in früheren Jahren des öfteren mit den Produkten ihres kreativen Geistes beglückt.

Zumeist handelten ihre elegischen Poeme von leeren lichtdurchfluteten Räumen mit großen Fenstern, vereinsamten Kuscheltieren und Spätsommer-Sonnenuntergängen. Ich hatte schon originelleres gelesen, aber besser als Rudis Texte waren sie allemal.

Tina schüttete sich einen zünftigen Schluck Bier hinter die Binde und streckte dabei dekorativ ihre voluminösen Brüste heraus, was durchaus nett anzuschauen war.

„Ich befinde mich zur Zeit in einer Phase des Umbruchs", begann sie dann.

„Klaro, wäre ja auch ziemlich dumm, wenn du immer nur auf der Stelle treten würdest."

Ich stierte immer noch fasziniert auf ihr ausgewaschenes Batik-Shirt, das in den Achtzigern bestimmt der letzte Schrei gewesen war.

Tina seufzte. „Ach, du verstehst nicht, was ich meine!" schmollte sie.

Da mochte was dran sein, aber das passierte mir bei Frauen häufiger.

„Ich glaube, ich entwickele eine völlig neue Persönlichkeit", gab Tina zum besten. Ich schlug fast der Länge nach hin. Neue Persönlichkeiten schienen in diesem Sommer schwer in Mode zu sein. Fast jeder Schreiberling hatte eine in der Schublade. Vielleicht sollte ich mir tatsächlich auch langsam eine zulegen. Ich könnte sie ins Regal stellen, direkt neben meine abgegriffenen Rimbaud- Übersetzungen. An trüben Regentagen würde ich sie dann hervorholen, um mit ihr zu spielen. Goldige Aussichten...

Mein Blick musste ziemlich skeptisch ausgesehen haben, denn ernsthaft fuhr Tina fort: „Ich spüre, dass ich viel reifer, ja erwachsener geworden bin. Es wird Zeit, dass ich mich von allen alten Zwängen und Denkmodellen befreie und einen völlig neuen Weg einschlage."

Ich schüttete mir ein weiteres Bierchen hinter den Knorpel und fühlte das Bedürfnis, Tina zu unterstützen, indem ich sie zunächst einmal von ihrem Batik-Shirt befreite. Ihre Denkmodelle interessierten mich nicht die Bohne.

„Und wohin führt der?" fragte ich.

Tinas Augen wurden groß und rund. „Tja", begann sie und deklamierte nach einem Moment tiefsinnigen Schweigens: „Das weiß ich auch noch nicht."

„Vielleicht finden wirs ja noch raus, Süße", erklärte ich, um ihr im nächsten Moment den Arm um die Hüfte zu legen. Tina schaute verdutzt an sich herunter, grinste aber dann. Ich ließ den Arm, wo er war. Sie fühlte sich gut an.

„Und was macht deine Schreiberei so?" fragte Tina, während ich selbstvergessen ihre Seite streichelte.

Ich sammelte mich einen Moment und referierte dann weitschweifig über die Fortschritte an meinem autobiografischen Epos „DER MANN, DER SEINEN DARM ENTLEERTE" – „Ein historisch- psychedelischer Roman", erklärte ich so ernsthaft wie möglich – an dem ich zwar schon seit einigen Jährchen schrieb, das jedoch von seiner Vollendung noch weit entfernt war.

„Und die Lyrik?" hakte Tina nach, als ich kurz Luft holte. Ich machte eine wegwerfende Geste.

Mein letztes Gedicht hatte ich vor zwei Jahren geschrieben. Seitdem wollte mir nichts rechtes gelingen.

Um jedoch ein wenig meiner dahingegangenen Schaffenskraft erstrahlen zu lassen, griff ich mir in die Mantelinnentasche.

„Da tut sich momentan nicht so viel... Aber du magst nicht zufällig eine Sammlung meiner besten Poeme erstehen?"

In Schmökes-Manier hielt ich ihr einen schmalen, selbstverlegten Gedichtband unter die Nase. Ich schätze, jeder der hier anwesenden hatte etwas ähnliches bei sich, um jedem damit auf die Nerven zu gehen, der lange genug stillhielt.

Tina nahm das Büchlein entgegen und musterte es mit kritischem, wenngleich auch schon etwas angeschickertem Blick.

„Kostenpunkt?" fragte sie geschäftsmäßig.

„Für dich nur zwölf Märker", antwortete ich, „Überleg es dir gut – als Gratisbeigabe bekommst du noch eine sensationelle Sammlung experimenteller Lyrik aus der Feder des einzigartigen Rudolf Wilfried Schmökes!"

Bei dem Angebot konnte sie sich nicht länger zurückhalten. Ich konnte das gut verstehen. Mir wäre es ähnlich gegangen.

Ich kassierte also das Geld und drückte Tina die beiden Bücher in die Hand.

„Was steht denn hier noch auf dem Programm?" fragte sie nach einer Weile. Ich zog einen zerknitterten Flyer hervor und studierte ihn gewissenhaft. „Um drei findet direkt nebenan eine Lesung statt. Erwin Lebowski trägt unter anderem seine 12-strophige Versdichtung ‚Das muntere Mastodon' vor."

„Auja", gab Tina begeistert von sich, „Das klingt doch interessant."

Ich selbst war mir da nicht so sicher.

„Na, dann machen wir uns doch auf den Weg", schlug ich dennoch vor und orderte noch zwei Bierchen als Wegzehrung.

***


Eine Stunde später saß ich auf einem billigen Klappstuhl und bemühte mich, möglichst unauffällig hinwegzudämmern. Meine Schlafversuche waren jedoch aufgrund des immer wieder aufbrandenden Applauses zum Scheitern verurteilt.

„Dann werd ich eben Kommunist!" posaunte Lebowski auf der Bühne trotzig und erst die unmittelbar darauf einsetzenden Standing Ovations machten mir klar, dass er damit am Ende seines Vortrags über das wackere Mastodon angelangt war.

Ich fand, „Tröööt" wäre ein besseres Schlusswort gewesen.

Ich wandte mich zu meiner Begleiterin. Tina war ebenfalls aufgestanden und applaudierte. Allerdings nur kurz. Offenbar hatte sie dem Vortrag auch nicht sonderlich viel abgewinnen können.

„Gehen wir zurück, bevor er eine Zugabe gibt", forderte sie mich dann auch auf.

Wir kämpften uns zurück zur Theke und pflanzten uns an unseren alten Platz. Es war jetzt anheimelnd leer dort. Der Großteil des Publikums hatte es vorgezogen, Lebowskis Vortrag zu lauschen.

Ich orderte zwei neue Bierchen und ließ meinen Arm wieder seinen alten Platz einnehmen. Tina quiekte vergnügt.

Lange währte unsere traute Zweisamkeit indessen nicht, denn schon bald strömten die übrigen Gäste in den Thekenbereich zurück. Nach wenigen Minuten gesellte sich ein dicker kleiner Mann zu uns, die grauen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

Kunstfertig übersah er mich und wandte sich direkt an meine charmante Begleiterin. „Hallo Tina", grüßte er freundlich, „Was macht denn die Kunst?"

Den Satz hatte ich irgendwo schon einmal gehört.

Gutgelaunt bestellte er zwei Bierchen und hielt Tina im folgenden einen geradezu ungeheuerlich weitschweifigen Vortrag über sein exotisches Liebesleben, den Kommunismus, seinen in Bearbeitung befindlichen neuesten Roman sowie ferner den Hunger in der Dritten Welt.

Nach einer Weile dämmerte mir, wen ich da vor mir hatte. Es handelte sich um einen der raren Stargäste dieser Veranstaltung, den allgemein sehr hochgeschätzten Egbert Kasulke, der den meisten der hier anwesenden Personen vor allem eines voraus hatte – er hatte tatsächlich schon einmal gegen Honorar veröffentlicht. Über die Qualität seines Textes ließ sich allerdings vortrefflich streiten.

Schon bald begann er Tina tief in die Augen zu blicken und senkte die Stimme, bis seine Worte zu einem wohl romantisch gemeinten Nuscheln gerannen. Interessiert beobachtete ich, wie er langsam aber sicher auf Tuchfühlung ging.

Völlig unvermittelt schlang Egbert seinen Arm um Tinas Hüfte. Seine Augen wurden groß und rund wie Untertassen, als er dort bereits den meinigen vorfand. Zum ersten Mal schien er mich bewusst wahrzunehmen. Ich lächelte ihn gutgelaunt an.

Egbert Kasulke stieß einen missbilligenden Grunzlaut aus und kippte den Rest seines Bieres in einem Zug hinunter.

„Naja Tina", verabschiedete er sich dann brummend, „Wir sehen uns ja bestimmt später noch alleine."

Übergangslos stieß er sich von der Theke ab und verschwand in der Menge. Wahrscheinlich würde er sich jetzt in eine ruhige Ecke zurückziehen und ein schwermütiges Poem über sein Erlebnis verfassen. Ich hoffte, dass ich es nie zu sehen bekam.

„Wo waren wir vorhin stehengeblieben?" fragte ich munter und zog Tina näher an mich. Sie pustete sich ein Haarsträhnchen aus dem Gesicht und schaffte es gerade noch, einen wenig damenhaften Rülpser zu unterdrücken.

„Ich glaube, wir haben uns über sexuelle Belästigung unterhalten", antwortete sie nach angestrengtem Überlegen.

Ich lächelte bierselig vor mich hin.

„So langsam bekomme ich auch Lust, dich zu belästigen", erklärte ich dann übergangslos, um ihr im nächsten Moment auch schon fröhlich an den Hintern zu greifen. Er lag gut in der Hand.

Irgendwie schaffte Tina es, einen Ausdruck milder Entrüstung auf ihr Gesicht zu zaubern, während sie andererseits gleichzeitig einen angenehm berührten Schnurrlaut von sich gab.

Während ich noch überlegte, was mein nächster Schritt sein würde, spürte ich plötzlich, wie sich Tina unter meiner Hand versteifte. Sie blickte zum Eingangsportal herüber.

„Oooh", seufzte sie traurig, „Mein Freund ist gerade gekommen. Ich muss gehen..."

Blitzartig löste sie sich von mir, hauchte mir einen Kuss auf die Wange, um in der Menge zu verschwinden. Wenige Sekunden später sah ich sie an der Eingangstüre wieder auftauchen, wo sie freudig erregt einen bärtigen Gnom umarmte.

Nun stand mir selbst der Sinn nach einem schwermütigen Poem. Griesgrämig leerte ich mein Glas.

***


Die Nacht hatte mich wieder. Ich hatte sie schon vermisst.

Schwermütig setzte ich einen Fuß vor den anderen und ließ mir die Ereignisse der vorangegangenen Literatur-Veranstaltung durch den Kopf gehen.

Der Tag schien mir verschwendet zu sein. Jedenfalls fiel mir spontan nichts ein, dass ihn zu etwas besonderem gemacht hätte. Andererseits war das aber auch kaum zu erwarten gewesen.

Etwas orientierungslos unterbrach ich meinen Gedankengang. Grübelnd blieb ich stehen und sah mich um. Ich erblickte eine mehrspurige Fahrbahn, vereinzelte Straßenlaternen, von denen jede Dritte sogar brannte sowie einen schmalen Fußgängerweg, der geradewegs in die Unendlichkeit hineinzuführen schien.

Ich konnte mich nicht erinnern, etwas ähnliches auf dem Hinweg gesehen zu haben.

Fluchend starrte ich die endlose Straße entlang und überlegte, ob ich aufs gradewohl losmarschieren sollte. Irgendwann musste ich ja schließlich wieder in der Zivilisation anlangen.

Der rettende Einfall kam mir erst einige Minuten später. Erleichtert griff ich in den Mantel und kramte mein Handy hervor, um mir ein Taxi zu ordern. Im nächsten Moment fiel mein Lächeln auch schon wieder in sich zusammen. Ich blieb stehen und starrte ungläubig auf das dunkle Display. In meiner üblichen Schludrigkeit hatte ich vergessen, den Akku aufzuladen.

Missmutig steckte ich das nutzlose Gerät weg, um meinen Weg fortzusetzen, von dem ich noch nicht wusste, wohin er mich letztendlich führen würde. Dicke Regentropfen netzten den schmutzigen Asphalt.

Einer plötzlichen Eingebung folgend wechselte ich die Strassenseite. Einen großen Unterschied machte das nicht. Die Landschaft blieb mir so fremd wie zuvor, geradezu surreal.

Unsicher bahnte ich mir meinen Weg und sinnierte darüber nach, dass ich an diesem Tag wohl besser Zuhause geblieben wäre. Ein Abend auf der heimischen Couch wäre mit Sicherheit unterhaltsamer gewesen.

Von meinen schwermütigen Grübeleien aus dem Takt gebracht, geriet ich unvermittelt ins Stolpern und fand mich schon Sekundenbruchteile später der Länge nach im Schotter wieder, wobei es mir nur notdürftig gelang, mein Gesicht mit dem Arm zu schützen.

Stöhnend blieb ich liegen. Meine Knie und Ellenbogen brannten wie Feuer und meine linke Schläfe pochte, als habe ein Ackergaul dagegengetreten. Es war kein sehr erhebendes Gefühl.

Irgendwann, bevor mich der unablässig herniederprasselnde Regen ganz aufweichen konnte, erhob ich mich wieder. Ich wusste nicht ganz, wie lange ich so dagelegen hatte, aber im Grunde interessierte es mich auch nicht.

Müde stolperte ich weiter, immer weiter, in die Nacht hinaus, von der ich nicht wusste, wie lange sie noch währen mochte. Irgendwann erloschen meine Gedanken.

Aber letztendlich fand ich doch noch nach Haus...

***


Fernab der Literatur.

Das Regenwasser auf den Straßen war gefroren und unsere Seelen atmeten bereits den bitteren Geschmack des Winters. Hier jedoch, an diesem Ort, war nichts davon zu spüren. Ganz im Gegenteil.

Schwitzend fuhr ich mir mit der Hand durch das auberginefarbene Haar und sah mich um. Die Disco, in der ich mich befand, war bis zum Bersten gefüllt, was sicherlich nicht zuletzt an dem Umstand lag, dass in der Zeit von Neun bis Elf Freibier ausgeschenkt wurde.

Demzufolge rekrutierte sich der Großteil des Publikums aus entsprechend finanzschwachen Kiddies. Ein paar bierbäuchige Altrocker waren auch zu sehen. Diese hielten sich vornehmlich abseits der Tanzfläche auf und beobachteten das bunte Treiben mit der Gelassenheit von Zen-Meistern. Darüber hinaus gab es die üblichen Verlierer, Melancholiker und zahlreiche Frauen mit Torschlusspanik. Und natürlich Kiwi und mich.

Trotz der Bullenhitze zog mein bevorzugter Freund und Saufkumpan den schwarzen Mantel enger um den Körper und starrte missmutig auf die Tanzfläche. Als ich seiner Blickrichtung folgte und eine Rotte langhaariger Bengel im klassischen Bombenleger-Outfit erblickte, die zu den Klängen der New Model Army eifrig ihre Mähne schüttelten, ahnte ich, was in ihm vorging.

Kiwis eigene Haartracht war bereits vor geraumer Zeit dem Drängen seiner damaligen Freundin zum Opfer gefallen, die ihn lieber mit einem adretten Kurzhaarschnitt der geneigten Öffentlichkeit präsentierte. Im weiteren Verlauf der Geschichte war Kiwi dann jedoch von besagter Freundin auf die denkbar böseste Weise verschaukelt worden. Und nun war er also allein und trauerte sowohl der holden Weiblichkeit als auch seiner ehemals wallenden Haarpracht hinterher. Ich konnte es ihm nachfühlen.

Aufmunternd stieß ich ihm in die Rippen und er wandte den Kopf. „Die wachsen doch wieder!" schrie ich ihm in dem Bemühen, die Klänge von „Vagabonds" zu übertönen, ins Ohr.

Kiwi nickte traurig, wollte einen Schluck Bier zu sich nehmen, um jedoch dann zu realisieren, dass sein Glas bereits leer war. Mit einem Mal sah er noch trauriger aus. Ich konnte es nicht mit ansehen.

Mit der Lässigkeit des geübten Trinkers leerte ich mein eigenes Glas, riß das seine an mich und bahnte mir meinen Weg zur Theke.

Wenn wir schnell tranken und uns geschickt anstellten, so sinnierte ich, würden wir noch ein paar Freibiere ergattern können, bevor wieder der Normalpreis galt. Ich sah auf die Uhr. Noch 20 Minuten...

Offenbar hatten jedoch auch noch andere Menschen vor Ort Durst, denn wie sich herausstellte, hatte ich den Andrang an der Theke etwas unterschätzt. Als ich meinen Platz an der Seite von Kiwi wieder einnahm, waren gute 10 Minuten vergangen. Dankbar nahm er den Gerstensaft entgegen und führte ihn sogleich seiner Bestimmung zu.

Trinkend ließen wir uns von der Menge treiben und landeten schließlich in der Nähe der überfüllten Tanzfläche.

Dicht vor uns bewegte sich eine kleine Gruppe höchstens sechzehnjähriger Mädchen mehr schlecht als recht zu den Klängen irgendeines stupiden Pop-Songs. Der blasierte Ausdruck auf den hoffnungslos überschminkten Gesichtern ließ jedoch keinen Zweifel daran, dass sie sich für leibhaftige Göttinnen hielten.

Tatsächlich sahen die Mädels vereinzelt nicht einmal schlecht aus, wäre da nicht diese grenzenlose Leere gewesen, die sie aus jeder Pore verströmten. „Wunderschön und seelenlos", dachte ich zynisch, während ihre alkoholbenebelten Blicke mich wie ein obskures Insekt musterten. Naja, ich selbst war ja auch nicht besser – zumindest was das Trinken anging.

Endlich schien der DJ sein Pensum an Chart-Hits abgearbeitet zu haben und ging wieder zu vernünftiger Musik über. Ich grinste Kiwi zu, als der wohlvertraute Klang schrammelnder E- Gitarren in unsere Ohren schmeichelte. Feixend beobachteten wir, wie sich die Kinder mit hängender Lippe von der Tanzfläche trollten. Sofort wurden ihre freien Plätze von uns eingenommen.

Die Bässe und der kalte, metallische Gesang schnitten tief in unsere Hirnrinde, während wir anfingen, uns zur Musik zu bewegen. Das Tanzen tat gut. Für einen kurzen Moment nichts spüren, gar nichts, außer der aberwitzig lauten Musik.

In den vergangenen Monaten, so bildete ich mir ein, hatte ich so einiges herausgefunden – sowohl über den Wert von Freundschaften, die Liebe und das Leben im allgemeinen. Welche Schlüsse ich aus diesen Erkenntnissen nun ziehen würde, war mir hingegen noch nicht so ganz klar, aber momentan war auch nicht der geeignete Zeitpunkt, darüber nachzudenken. Dazu war ich nicht hergekommen.

Ich prostete Kiwi zu. Für einen kurzen Moment schien er seine ungeliebte Kurzhaarfrisur vergessen zu haben. Mir selbst fiel das Vergessen nicht ganz so leicht, aber ich würde es schon aushalten.

Mein Glas war allerdings schon wieder leer. Eilig ließ ich es nachfüllen und der Rest des Abends nahm seinen altbekannten Verlauf.

***


Ein Scheppern weckte mich und stöhnend blinzelte ich hinaus in den neuen Morgen.

Sofort schloß ich das Auge wieder. Ich lag dem Fenster zugewandt und die kalte Wintersonne hatte mich wie ein Hammerschlag getroffen.

Mein Gehirn fühlte sich an, als habe mir jemand einen Mixer in den Schädel eingeführt und selbiges ordentlich durchgequirlt. Der Geschmack in meinem Mund ließ mich an einen Fisch denken, der zu lange in der Sonne gelegen hat.

„Morgen" sagte eine missmutige Frauenstimme.

Ächzend drehte ich mich um und entschied, die Augen wieder zu öffnen. Auf meiner Bettkante saß ein nacktes junges Mädchen, welches gerade damit beschäftigt war, Kleidungsstücke vom Boden aufzusammeln. Dem Gesichtsausdruck nach zu schließen war sie ähnlich verkatert wie ich.

„Hallo" sagte ich unter größter Kraftanstrengung.

„Tja, ich geh dann mal", verkündete das Mädchen lapidar und streifte sich das Höschen über. Ich kannte sie flüchtig. Meine Erinnerung daran, wie sie letztendlich hierhergelangt war, war allerdings reichlich getrübt.

„Okay", grunzte ich.

Wortlos fuhr sie damit fort, sich anzuziehen. Offenbar war uns beiden nicht nach geistreicher Konversation zumute.

Fünf Minuten später war das Ankleidezeremoniell beendet. Ein kurzes Winken von der Flurtüre aus und schon einen Moment später, wie das klappernde Geräusch ihrer Absätze im Treppenhaus verhallte.

Stöhnend wälzte ich mich auf den Rücken und starrte die Decke an. Irgendetwas musste ich wohl am vergangenen Abend in ihren Augen gesehen haben – etwas, dass uns letztendlich hierhergeführt hatte. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass sie mir kurzerhand um den Hals gefallen war. Im Grunde war es mir egal. Mir war übel und ich fühlte mich allein.

Irgendwann, Minuten oder Stunden später, quälte ich mich auf die Füße und brühte mir einen Kaffee auf, der meine Lebensgeister wieder halbwegs auf Trab brachte. Mit der dampfenden Tasse in den Händen setzte ich mich ins Wohnzimmer und musterte die kahle Tapete.

In diesem Moment ergab für mich nichts, aber auch gar nichts auf dieser großen weiten Welt auch nur das geringste bisschen Sinn.

Verschwommen erinnerte ich mich an Sylvia und lächelte gequält. Mit ihr hatte das Dasein nicht so trübe ausgesehen, nicht ganz jedenfalls. Aber Sylvia war fort. Wie schon so oft...

Kurzentschlossen stürzte ich den Rest des heißen Kaffees hinunter und griff zum Telefon. „Ein Versuch kann nicht schaden", sinnierte ich, um dann ihre Nummer zu wählen.

Einen Moment darauf hörte ich auch schon ihre wohlvertraute Stimme an meinem Ohr. Nah und doch unendlich weit entfernt.

Ich lehnte mich zurück und versuchte, meinen Kater zu vergessen.

„Hey Süsse, wie schauts aus?" fragte ich munter. Ihrer Antwort nach zu schließen, sah es ziemlich gut aus.

„Prima", erwiderte ich schließlich, nachdem wir uns ein paar Minuten lang äußerst angeregt unterhalten und schon bald die alte Vertrautheit wiedergefunden hatten, „Dann komm ich so gegen Vier einfach mal vorbei."

Wir verabschiedeten uns und langsam legte ich den Hörer wieder auf. Das war geregelt. Auch an diesem Tag würde ich nicht allein sein, würde nicht zuviel Nachdenken müssen über Dinge, hinter denen ich zur Zeit keinen Sinn entdecken konnte.

Zähnefletschend ging ich zum Fenster und grinste hinaus in den kalten Wintermorgen.

„Das Leben ist schön", dachte ich müde, „Mir scheint buchstäblich die Sonne aus dem Arsch."

Wenn ich mir diesen Satz lange genug vor Augen hielt, würde es mir vielleicht sogar gelingen, irgendwann daran zu glauben.




© Oktober 2000/Januar 2001 by Hondo



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