DAS LIED VOM ABENDSTERN
von Michael Breuer


Da saß er dann wieder.

Der alte Bindfadenregen lief an den großen Außenfenstern der Kneipe herab und draußen, auf der Kyffhäuser Straße, stand ein hupendes Taxi, welches auf einen zahlenden Kunden wartete. Ein händchenhaltendes Pärchen ohne Regenschirm flüchtete sich lachend in die türkische Pizza-Bude gegenüber. Es war Frühling.

Da saß er also vor seinem Kaffee und überlegte, ob er nicht doch lieber auf Kölsch umsteigen sollte. Eigentlich war es aber noch zu früh dafür. Er hatte schließlich erst seit einer Stunde Feierabend. Verhalten lächelnd schüttelte er über sich selbst den Kopf. Früher hätte er es sich nie einfallen lassen, schon um Fünf Uhr Nachmittags eine Kneipe aufzusuchen, aber ‘Früher’ war eben nicht ‘Heute’ und auch wenn es regnete, so blieb es trotzdem Frühling.

Er nippte an seinem Kaffee und betrachtete dann nachdenklich das Sandwich, das die langhaarige Bedienung vor wenigen Minuten auf seinem Tisch abgeladen hatte. Plötzlich hatte er gar keinen Hunger mehr, aber es wäre eine Schande gewesen, das Brot den Abfällen zuzuführen. Also nahm er es kurzentschlossen mit beiden Händen und biß kräftig hinein. Während er so auf Schinken, Weißbrot und Tomaten herumkaute, dachte er an den gestrigen Tag, der eine reine Katastrophe gewesen war.

Abrupt legt er das angebissene Sandwich wieder auf den Teller zurück und lauschte der Musik, die von der Theke gedämpft in den hinteren Teil des Lokals waberte. Bereits nach den ersten Takten hatte er das gespielte Lied erkannt und gleich darauf vernahm er auch schon die Stimme des Sängers. „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz...“, verkündete Westernhagen in seinem unverkennbar nölenden Tonfall und die Titelzeile ließ ihn aufseufzen. Tja, am vergangenen Abend wäre er auch fast Prinz geworden, dachte er nicht ohne Ironie, aber leider eben nur fast!

Und schon stieg es wieder vor ihm auf, das Bild des Mädchens. Er kannte sie jetzt ein gutes Jahr - ein Jahr, in dem viel in ihrer beider Leben geschehen war. Anfangs hatte sie in ihrer unschuldig-hilflosen Art einen gewissen Beschützerinstinkt in ihm geweckt. Später war dann irgendwie mehr daraus geworden.

Gestern hatte sie ihn also wieder einmal besucht und während sie gemeinsam auf dem Bett im Wohnzimmer saßen, das neben einem Schreibtischstuhl die einzige Sitzgelegenheit im Raum darstellte, war etwas geschehen. Ein Schriftsteller hätte vielleicht von dem berühmten Funken gesprochen, der plötzlich übersprang und die Bitternis der folgenden Ereignisse in einem Schwall aus rosa Kitschfarben ertränkt, doch ihm als unmittelbar Betroffenen drängten sich in seiner Erinnerung nur die denkbar rüdesten Worte auf.

Während also aus dem altersschwachen Radio Schmuse-Musik von Whitney Houston drang, lagen sie zusammen auf dem Bett und hatten das einzig Vernünftige getan, was man zu dieser Art Musik eben tun konnte. Beim Gedanken, wie hilflos er sich beim Öffnen ihres Oberteils angestellt hatte, mußte er fast schon wieder lächeln. Seine ersten Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht waren dies zwar nicht, doch irgendwie war der Körper eines Mädchens für ihn immer wieder etwas aufregend neues, das ihn sich mitunter seltsam tölpelhaft fühlen ließ.

Schließlich jedoch hatte er es geschafft und entkleidet lagen sie nebeneinander auf dem Bett und erkundeten voller Neugier ihre Körper. Nur zu gut erinnerte er sich ihrer jugendlichen Brüste, des sanft streichelnden Spiels ihrer beider Hände - und schließlich des leicht schielenden Seitenblicks des Mädchens in Richtung Radiowecker, der ihn abrupt dazu veranlaßte, in seiner Tätigkeit innezuhalten. „Was ist?“, hatte er etwas verstört, aber nicht beunruhigt, gefragt und nicht im Mindesten mit der Antwort gerechnet, die er letztendlich bekommen sollte. „Ja, weißt Du...“, hatte sie lächelnd erwidert, ohne das süße Spiel ihrer Hände zu unterbrechen, „Ich treff' mich da nachher mit dem Heinz; der ist so süß!“ Und, als ob das noch nicht gereicht hätte, fügte sie hinzu, „Ich glaub', den hab' ich wirklich lieb!“

Sein Körper war zu Stein erstarrt und als sie schließlich damit fortfahren wollte, ihn zu liebkosen, drängte er ihre Hände fort und setzte sich im Bett auf. Er schluckte, unterließ es aber, laut zu werden. Mit dem höchsten Ausmaß an Ruhe, dessen er fähig war, bat er sie, sich anzuziehen und zu ihrem Heinz zu gehen, was sie dann auch tat.

Als er dann allein war, hatte er sich betrunken; war zum Kühlschrank gegangen und hatte die Flasche Johnny Walker ans Bett geholt, die dort schon seit Monaten stand. Seine Augen brannten, als er den Whisky seine Kehle hinunterschüttete, aber da lag nicht am scharfen Geschmack des Alkohols allein. In seinem Hirn drängten sich furchtbar turbulente Bilder von Liebe und Hass.

Der Whisky begann seine Gedanken zu vernebeln - zwar langsam nur, doch unvermeidlich - und der ganze Raum begann ihn abzustoßen. Im Rausch schien es ihm, als würde es stinken. Ja, es stank tatsächlich. Stank nach Geilheit, nach Fotze und enttäuschten Sehnsüchten.

Mit solcherlei Gedanken war er dann irgendwann eingeschlafen.

Und jetzt saß er also hier - in einer Kneipe auf der Kyffhäuser Straße - und fügte sich unnötige Schmerzen zu, in dem er die Ereignissse des Abends immer und immer wieder an sich vorüberziehen ließ, wie er es schon den ganzen Tag getan hatte.

Abermals überlegte er, ob er sich nicht vielleicht ein Kölsch bestellen sollte, dann entschied er sich dagegen. Kurzentschlossen zahlte er und verließ das Lokal. Gerne hätte er auch seine Erinnerungen zurückgelassen, aber soviel Glück war ihm nicht vergönnt.

Mit schleppenden Schritten näherte er sich der Straßenbahnhaltestelle auf dem von häßlichen Baulücken gekennzeichneten Barbarossaplatz.

Und da stand er dann wieder, allein, vor dem Wartehäuschen, während der alte Bindfadenregen immer noch vom Himmel prasselte und die Fahrt auf den schmutzigen Straßen zu einem Himmelfahrtskommando werden ließ. Durch die Fenster der nahen McDonalds-Filliale konnte man Gruppen von Jugendlichen erspähen, die vor der Theke auf die nächsten Big Macs warteten. An den Tischen saßen händchenhaltende Pärchen und schlürften Cola aus Pappbechern. Es war Frühling.

© 08.03.1994, Michael Breuer


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